Enna-Objektive finden sich bei Sammlern meist nicht in vorderen Ranglistenplätzen der ganz großen Optikhersteller. Dabei hat sich Enna vor allem in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg einen guten Ruf erworben und innovative Objektive von Weltruf entwickelt. Die zum Teil nach Entwürfen von Dr. Ludwig Bertele (Sonnar-Entwickler, später Chefkonstrukteur bei Wild Heerbrugg) von Siegfried Schäfer entwickelten Optiken bestachen vor allem durch ihre Farbreinheit und hohe Fertigungsqualität.
Zu den sogenannten „Meilensteinen“ gehörten 1958 das weltweit lichtstärkste Weitwinkelobjektiv für Spiegelreflexkameras Super-Lithagon 1,9/35 mm und 1961 das erste Tele-Zoom-Objektv der Welt 4/85-250 mm. Am bekanntesten wurde ENNA für Spiegelreflexfotografen jedoch mit den Sockelobjektiven, quasi dem Vorbild der TAMRON adaptall Adapterserie.
Enna war auch der erste Objektivhersteller in Westdeutschland, der ein Weitwinkelobjektiv nach dem Retrofocus-Typ vorstellte. Diese von Angenieux Paris und Carl Zeiss Jena (Flektogon) fast zeitgleich entwickelte Objektivbauweise ermöglichte erstmals kürzere Brennweiten als 40 mm in Kleinbild-Spiegelreflexkameras. Auch das hochlichtstarke 6-linsige Ennaston (später Ennalyt) 1,5/85 mm zählte in den 1950er Jahren zu den weltweit renommierten Objektiventwicklungen. Gegründet 1920 von Alfred Neumann produzierte das ENNA Werk, Dr. Appelt in München, erst ab Mitte der 1950er Jahre Wechselobjektive für Spiegelreflexkameras. Der Firmenname ist vom Namenskürzel „N.A.“ (ausgesprochen Enna) seines Gründers abgeleitet. Nach dessen Tod wurde das Unternehmen ab 1945 von seinem Schwiegersohn Dr. Werner Appelt weitergeführt.
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Weitwinkel-Objektive nach dem Retrofocus-Prinzip | Weitwinkel-Lichtriesen Super-Lithagon 1,9/35 |
Ich möchte hier einen Querschnitt aus der Objektivfertigung des Münchener Unternehmens vorstellen. Vor allem die Sockelobjektive sind für Sammler eine ganz besondere Herausforderung. Für den Springblendensockel sind 10 verschiedene Objektiveinsätze entwickelt worden, die teils in verschiedenen Versionen mit meter- und/oder feet-Gravuren für den Export in die USA vertrieben wurden. Für den Automatic-Sockel sind 7 verschiedene Brennweiten, z.T. ebenfalls in unterschiedlichen Ausführungen hergestellt worden.
Zunächst fertigte Enna Objektive für die Kameraausrüstung anderer Hersteller. Das 35 mm Weitwinkel-Lithagon wurde als erstes wechselbares SLR-Objektiv mit Lichtstärke 1:4,5, bald darauf mit 1:2,8 und sogar 1:2,5 angeboten. Eine Version mit 28 mm Brennweite - damals eine Sensation - das Ultra-Lithagon 3,5/28 ergänzte dieses konkurrenzlose Weitwinkelangebot. 1955 folgten ein Teleobjektiv, das Tele-Ennalyt 3,5/135 und 1958 mit dem 9-linsigen Super-Lithagon 1,9/35 mm das weltweit lichtstärkste Weitwinkelobjektiv. Das Unternehmen warb damals mit einem Brennweitenspektrum zwischen 24 bis 600 mm für Spiegelreflexkameras. Doch eine Normalbrennweite (50 mm), mit der Enna zum Originalausrüster für Exakta oder Praktica hätte aufsteigen können, befand sich nicht im Programm. Lediglich für die Edixa Modell B wurde um 1958 ein Springblendenobjektiv 1,9/50 "Edixa Color-Ennalyt" produziert.
Das änderte sich 1958, als erstmals ein Objektiv-Sockelsystem für Kleinbild-Spiegelreflexkameras vorgestellt wurde, zu dem mit dem Ennalyt 1,9/50 auch ein Hochleistungsobjektiv mit Normalbrennweite zählte. Anfangs mit (Aufzugs-)Springblende, ab 1961 auch mit automatischer Druckblende ausgerüstet, war für die beiden Sockel mit M42- und Exakta-Kameraanschluss eine Objektivpalette von 24-240 mm lieferbar. Die Objektiveinsätze sind wahlweise mit beiden Sockeln verwendbar, allerdings nicht zwischen Springblende und Druckblende kompatibel. Dieses Prinzip wurde später die Vorlage anderer erfolgreicher Wechselsockelsysteme, wie Tamron Adaptall.



![]() | Das erste in Westdeutschland hergestellte 35 mm Weitwinkelobjektiv, Lithagon 4,5/35 mm, Nr. 3376, bereits mit Vorwahlblende ausgerüstet. | ![]() | Super-Lithagon 2,5/35 mm, Nr. 2192861, mit damals schon ungewöhnlich hoher Lichtstärke; gleiche Bauform. |
![]() | In den 50er Jahren eine Sensation - ein 28er Weitwinkel: Ultra-Lithagon 3,5/28, Nr. 3216458, gleiche Bauform. | ![]() | Lichtriese in Gauss-Bauweise Ennaston 1,5/85 mm mit 6 Linsen |
![]() | 6-Linser aus den 60er Jahren: Weitwinkel Lithagon 2,8/35, mit Vorwahlblende. | ![]() | Ebenfalls aus den frühen 1960ern - klassische Porträtbrennweite: 4-linsiges Tele-Ennalyt 2,8/90 mm, jetzt mit Rastblende |
![]() | Mit dem 5-linsigen Tele-Ennalyt baugleiches Tele-Lumax 3,5/135 mm im Vertrieb von Corfield England. | ![]() | Eines der letzten Weitwinkel mit dem Namen "Lithagon" - 6-Linser Lithagon 2,8/35 mm mit Blendenvorwahl |
![]() | Mit der etwas geringeren Lichtstärke 1:3,5 war das 35 mm Lithagon auch als 4-Linser erhältlich. Mit seiner Rastblende war es zugleich sehr preiswert. | ![]() | Neue Version des 6-linsigen Lichtriesen, jetzt als Ennalyt 1,5/85 mm mit Rastblende. |
| Das 5-linsige Tele-Ennalyt 2,8/135 in der Ausführung der späten 60er Jahre wartete gleich mit mehreren Eigenheiten auf - es war eines der preiswertesten, kleinsten, leichtesten und zugleich lichtstärksten Standardteles seiner Zeit. Den niedrigen Preis von 198 DM erkaufte man mit einfacher Bauweise - nur Rastblende und einfachem Schneckengang, bei dem sich die Frontlinse und Blendenskala beim fokussieren mitdrehten ... Seine optische Leistung hingegen ist ausgezeichnet und die robuste Metallkonstruktion machte es damals zu einem der beliebtesten Teleobjektive. Die große und nicht vertieft angeordnete Frontlinse macht eine Gegenlichtblende allerdings unverzichtbar. |   | ![]() |   |
![]() | Das wohl kleinste und leichteste 240er Teleobjektiv - 5-linsiges Tele-Ennalyt 4,5/240 mm mit Rastblende. | ![]() | Das gleiche 240er Tele-Objektiv wie vor in einer späteren Bauform. |
Tele-Ennalyt 1:4,5 240 mm als Fernobjektiv in NormalbauweiseNeben diesem 240er Fernobjektiv, das weiter oben auch im Vergleich zu dem 240er Tele gezeigt ist, hatte Enna noch zwei richtig lange Tüten im Angebot. Zwei Fernobjektive 4,5/400 mm und 5,6/600 mm in einer 5-linsigen Tele-Konstruktion, die die Baulänge zwar verkürzte, die Objektive jedoch mit 2 bzw. 3,3 Kilogramm sehr schwer machte. Das Tele-Ennalyt 4,5/400 mm finden Sie in meiner Abteilung "Fernobjektive".
Die Objektive haben Filtergewinde in den Größen M95x1 bzw. M 108x1. Bevor man jedoch zu Fenstergläsern in diesen Ausmaßen greift, ist die weiter unten gezeigte Filterkassette für Steckfilter praktischer.

Das wuchtige und schwere Tele-Ennalyt 4,5/400 mm, hier im Vergleich mit einem Normalobjektiv Ennalyt 1,9/50 aus der Automatiksockel-Serie.


Filterschublade für Enna-Fern- und Zoomobjektive. In die Einschubkassette lassen sich Gelatinefilter, z.B. Kodak-Wratten-Filter, einlegen.
Es gibt zwei verschiedene Ausführungen dieser Kassetten: in die zweiteilige Kunststofffassung (Bild ganz links) wird das Filter eingelegt, die Metallfassung (Bild rechts) hält es in einem Rahmen mit Federspannung.
Die ENNA Automatik-Objektive
Im Jahr 1964 wurde die seit rund 6 Jahren produzierte ENNA-Objektivserie für den Springblendensockel von einer Automatik-Version abgelöst. Diesen umfangreichen Komplex stelle ich hier gesondert vor.
Einige Objektive aus dieser neuen Automatik-Serie bot ENNA auch mit einer fest eingebauten Spring- bzw. Druckblende an. Ebenso wie der Automatik-Sockel waren diese Objektive mit einem Auslösearm sowohl für die Exakta, als auch für die Edixa Modell A und mit einem Anschluss für M42 mit Kamera-Innenauslösung erhältlich. Lieferbar waren vier Brennweiten:
Diese Objektive sind optisch baugleich zu den Wechseleinsätzen der Automatik-Serie bzw. den "normalen" ENNA-Objektiven mit Blendenvorwahl bzw. Rastblende. Auch der Filtergewindeanschluss ist mit 52mm Einschraub identisch.
Zwei Objektive aus der ENNA-Automatikserie:
Links ein Lithagon 4/24 mm mit M42-Schraubanschluss und Auslöserarm zum Anschluss an die frühen Edixa A-Modelle ohne Innenauslösung.
Das untere Foto zeigt den für diesen Anschluss notwendigen Justier- mechanismus. Damit der Auslöserarm des Objektivs dem Kameraauslöser genau gegenüber steht, muss die äußere Fassung gegebenenfalls verdreht werden. Dazu werden die vier kleinen Schrauben gelockert. Beim Bajonettanschluss für die Exakta ist diese Anpassung nicht notwendig.
Die M42-Automatiksockel mit Auslöserarm sind übrigens mit dem gleichen Verstellmechanismus ausgestattet.
Das rechte Bild zeigt eine Exportversion des Tele-Ennalyt 4,5/240 mm (feet-Skala) mit Bajonett- anschluss für die Exakta.
Tele-Zoom 1:4/85-250 mm
Dieses damals "Gummilinse" genannte Objektivmonster war das erste in Deutschland errechnete und weltweit auf den Markt gebrachte Tele-Zoom. Das Objektiv hatte 12 Linsen und Vorwahlblende.
Zwar hat die Fassung ein Gewinde für Einschraubfilter M74, zusätzlich besitzt das Objektiv - wie auch die beiden Fernobjektive 400 und 600 mm - eine Filterschublade für spezielle Filterkassetten (Foto).
Vor allem UV- oder Skylight-Filter sollten nach Enna-Empfehlung nicht vor die Frontlinse gesetzt werden!
ENNA Wechselobjektive mit Wechselsockel
Weil die Enna-Objektive bereits viel Raum eingenommen haben, finden Sie die Wechselsockel-Objektive auf einer eigenen Seite.
Neben der eigenen Fertigungslinie produzierte Enna auch Wechselobjektive für Argus USA (Sandmar) und lieferte die von Corfield GB unter den Namen "Lumar" und „Lumax“ vertriebenen Objektive. Von Corfield, damals auch Ihagee Vertrieb für Großbritannien, waren die Lumar/Lumax-Objektive neben der M39-Anschlussversion für die Periflex-Kameras auch mit Exakta-Objektivanschluss erhältlich.
In den USA sind Enna-Objektive - vor allem die Sockel-Version 1 - sowohl unter den Enna-Typenbezeichnungen als auch unter dem Argus-Namen "SANDMAR" zu finden. Es sind weitere Namensvarianten aus Enna-Fertigung bekannt (Reflexogon, Edixar u.a.).
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| Für Corfield GB gefertigtes 5-linsiges Tele-Ennalyt 3,5/135 mit Rastblende und Exakta-Bajonettanschluss. Es wurde unter dem Namen Lumax vertrieben. | 4-linsiges Ennalyt 3,5/35 mit Rastblende, unter dem Handelsnamen "Reflexogon" vertrieben. |
Für Vertriebsfirmen In Deutschland, unter anderem für Photo Porst und Foto Quelle (Revue), produzierte Enna Objektive, die diese unter ihrem eigenem Namen verkauften.
Die Fertigung für Porst und Revue bedingte eine kostensparende Bauweise. Deshalb wurden viele Objektive ab etwa 1965 nur noch mit Rastblende ausgerüstet. Noch spätere Versionen hatten eine Kunststofffassung (wie ISCO Göttingen). Die Kunststoffversionen besitzen auch keinen Festanschluss mehr, sondern sind mit dem verbreiteten T-2-Adaptergewinde ausgerüstet.
Enna-Objektive mit Kunststoff-Fassung, Blendenvorwahl und T-2 Schraubge- windeanschluß.
Links ein Edixa Eximar Weitwinkel 3,5/35 mm, rechts ein Tele-Ennalyt 3,5/135 mm - beide 4-Linser. Der KE-Adapter für das T-2 Gewinde verbindet beide Objektive mit dem Bajonett der Exakta.
Exakta-Versionen werden mit dem Adapter KE geliefert. Sie sind optisch nicht unbedingt schlecht, etliche wurden noch nach Ende der Exakta-Bauzeit ausgeliefert. Wie die Kunststoff-Serie von ISCO passen sie thematisch zur VX 1000 und VX 500, mit denen sie damals als Komplett-Angebote verkauft worden sind. Solche Objektive werden heute zwar nicht oft, aber preiswert angeboten.
Bis 1964 wurden 4 Millionen Objektive gebaut, Enna produzierte bis in die 1990er Jahre Objektive und andere optische Teile. Neben Objektiven entstand bei Enna auch anderes optisches Zubehör, z.B. Diaprojektoren. Der anfänglich für die Weitwinkelobjektive verwendete Name „Lithagon“ musste um 1960 aus namensrechtlichen Gründen aufgegeben werden. Die Objektive hießen fortan „Ennagon“.
Zu den Olympischen Spielen 1972 in München erlebte die Objektivfertigung von ENNA noch einmal einen Aufschwung. Das Unternehmen gehörte damals zu den "offiziellen" Ausrüstern der Spiele und durfte seine Produkte entsprechend mit den 5 Ringen zieren. Die Objektive selbst waren nicht gekennzeichnet, wohl aber die Verpackungen.
Zu allerletzt möchte ich den besonders interessierten Sammler noch auf das ENNA TASCHENBUCH von Friedrich-W. Voigt hinweisen. Dieses Buch, 1965 im Heering-Verlag, Seebruck, erschienen, beschreibt das damalige Enna-Lieferprogramm recht ausführlich. Voigt ist auch als Verfasser der Edixa-Kamerabücher und anderer Fotoliteratur bekannt.
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